Je tiefer die Stimme

desto dünner das Angebot

Rede zur Pressekonferenz »Trendbericht Kinder- und Jugendbuch« Leipzig, 2005
von Klaus Willberg, avj-Vorstandsvorsitzer 2004-2009



An erster Stelle der Themen, die pubertierende Mädchen und Jungen beschäftigen, stehen:
• Freundschaft
• Musik
• Liebe und Partnerschaft.

(Quelle: Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest: JIM-Studie 2001: Jugend, Information, (Multi-)Media, Basisuntersuchung zum Medienumgang 12 bis 19-Jähriger in Deutschland, Baden-Baden 2002, Seiten 10 bis 12)

Die Antworten auf die Frage, was Jugendliche am liebsten lesen, sehen völlig anders aus: Bücher über Liebe, Freundschaft und Familie spielen im Gegensatz zu den Mädchen bei den Jungen so gut wie keine Rolle. (Quelle: Christoph Kochhan: "Die Clique gibt den Ton an", in: Börsenblatt 9/2003, Seiten 14/15)

Diese Diskrepanz lässt nach Angebot und Nachfrage fragen, wobei "geschlechterdifferenzierte Literatur" als Belletristik für Jugendliche definiert wird, in der die ? in der Regel pubertären ? Befindlichkeiten der Zielgruppe Mädchen auf der einen und der Zielgruppe Jungen auf der anderen Seite Thema sind.

Die Durchsicht der Verlagsprogramme zeigt, dass angesichts der Flut von Mädchenbüchern das Angebot für Jungen eher einem Rinnsal gleicht.

Sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite ist von einer Vermittlungsdominanz geprägt: Von der Lektorin im Verlag über die einkaufende Buchhändlerin oder Bibliothekarin, die vorlesende Erzieherin, die (Grundschul-)Lehrerin bis hin zur kaufenden Mutter sind es vor allem Frauen, die Bücher an die Zielgruppe bringen. Anders ist es bei den Verlagsleitungen: Da dominieren die Männer, sodass die Frage berechtigt ist, warum das Angebot für Jungen so dürftig ist.

Frauen haben durchaus Vorbehalte gegenüber Belletristik, die Jungen so klar anspricht, wie diese Liebe, Freundschaft und Sexualität thematisieren, sodass sie sich nicht allein gelassen fühlen. Das kann auch ziemlich deftig sein mit der Folge, dass Autoren bei Lesungen johlende Zustimmung erfahren, sie sich aber anschließend im Lehrerzimmer rechtfertigen müssen.

Einfacher ist es, pubertierende Jungen als Nichtleser zu stigmatisieren (Zitat einer Buchhändlerin: "Jungenbücher kaufen wir nicht, Jungen lesen nicht."), als sich mit Büchern der tatsächlichen Lebenswelt der Jungen zu stellen, obwohl diese beim Lesen bei weitem nicht so emanzipiert sind wie Mädchen - und auch nicht die Machos sind, die sie gerne vorgeben zu sein.

Schritte, aus diesem Dilemma herauszukommen, können sein:
• zu akzeptieren, dass Jungen Bücher für Jungen brauchen
• Männer (vor allem in buchnahen Berufen) zu ermutigen, sich der Jungen anzunehmen
• geschlechterdifferenzierte Lesungen durchzuführen
• Jungenbücher räumlich weit weg von den Mädchenbüchern zu stellen
• bei der Leseförderung auf Geschlechterdifferenzierung zu achten
• sich des Themas in Buchbesprechungen überhaupt anzunehmen
• ein breiteres Angebot an jungenspezifischer Belletristik zu verlegen
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