Literacy

Literacy: Nach dem Buchkauf geht's erst los

Rede zur Pressekonferenz »Trendbericht Kinder- und Jugendbuch« Leipzig, 2007
von Klaus Willberg, avj-Vorstandsvorsitzer 2004-2009


Vor zwei Jahren habe ich an dieser Stelle die Unterversorgung mit Bilderbüchern deutscher Haushalte mit Kindern beklagt. Wenn ich mir die Bilderbuch-Programme des Frühjahrs 2007 anschaue, verstärkt sich bei mir der Eindruck, dass es mit der Forderung, in deutsche Kinderzimmer mögen möglichst oft möglichst viele Bilderbücher gelangen, nicht getan ist. Denn nach dem Buchkauf geht's erst los!

Lange bevor Kinder formal lesen und schreiben lernen, machen sie Erfahrung mit Lese-, Erzähl- und Schriftkultur. In der Wissenschaft wird dazu mangels eines passenden deutschen Pendants der Begriff Literacy verwendet. Literacy-Erfahrungen haben Auswirkungen auf Kompetenz (wie z.B. Sprachzuwachs), Wissen (wie z.B. über die Funktion von Schrift) und Einstellungen (wie z.B. Freude an Büchern) von Kindern. Je reichhaltiger diese Erfahrung bereits in der frühen Kindheit ist, desto vorteilhafter für die Entwicklung eines Kindes, denn Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz gehören zu den wichtigsten Grundlagen für Erfolg in der Schule und bei der Bildungslaufbahn. Kinder mit keiner oder wenig Literacy-Erfahrung haben deutlich geringere Chancen als Kinder mit vielfältiger und intensiver.

Bezogen auf das Buch machen Kinder erste Literacy-Erfahrungen mit den so genannten Pappen mit Titeln wie Mein allererstes Wortbilderbuch. Als Buggy-Bücher findet man sie häufig mit Spezialhalterungen an Kinderwagen befestigt. Diese Bücher sind wichtig, denn sie funktionieren, wenn sie nicht nur als Ersatz für den Beißring herhalten müssen, ausschließlich im Dialog. Durch Deuten, Vorsprechen, Nachsprechen wird die Verbindung von Bildern mit Sprache mit Schrift als intensive Literacy-Erfahrung gelernt. Die wahrgenommene Verantwortung von z.B. Eltern für die Literacy-Erfahrung ihres Kindes ergibt sich aus der Funktion des Buches.

In dieser Konsequenz gilt dies bei den altersgemäß nachfolgenden Büchern wie Bilder- und Bildersachbücher sowie Vorlesebücher nur in Ausnahmefällen. Selbstverständlich kann auch mit Tieren (zu Ostern vornehmlich dieser eine unverwüstliche Hase), Prinzessinnen aller Couleur (meistens zartrosa) und Piraten (gerne verpackt als Bücher, mit denen man[n] was lernt) Literacy-Erfahrung gemacht werden. Das liegt in der Verantwortung z.B. der Eltern. Allein schon durch die Art, wie diese Bücher präsentiert werden, laden sie jedoch nicht gerade dazu ein, dieser Verantwortung auch gerecht zu werden: Diese Bücher kommen nicht anders daher, als jeder andere Konsumartikel für Kinder, wenn sie nicht gar untergehen in dem Drumherum, das begleitend dazu angeboten wird.

Neben diesen Büchern gibt es - im Verhältnis zu anderen Bilderbüchern - verschwindend wenige, aber umso interessantere Bilderbücher, die sich dadurch auszeichnen, dass sie nur funktionieren, wenn z.B. Eltern die Verantwortung für die Literacy-Erfahrung des Kindes wahrnehmen. Diese Bücher erzwingen geradezu den Dialog zwischen z.B. Eltern und Kind anhand von Schrift, Wort und Bild.

Dazu gehören Bücher, die nur funktionieren, wenn zum Beispiel

Dazu gehören weiter Bücher,
Diese Bücher können etwas, weil sie ausschließlich im Dialog funktionieren: zwischen z.B. Eltern und Kind zum einen und zwischen Buch und Betrachter zum anderen. Die Beschäftigung mit diesen Büchern erzwingen Aktionen, die auf Sprache und Kommunikation fokussiert sind.

Diese Bücher vermitteln vielfältige und intensive Literacy-Erfahrung als eine der wichtigsten Grundlagen für Erfolg in der Schule und bei der Bildungslaufbahn. Sie ragen heraus aus der Flut von Hasen, Prinzessinnen und Piraten und verdienen von daher besondere Aufmerksamkeit.


Eine Liste mit bibliographischen Angaben zu ausgewählten Titeln finden Sie hier:

Rotraut S. Berner: Frühlings-Wimmel-Leporello
(Gerstenberg, 2007, ISBN 978-3-8067-5159-8)

Eric Carle: Mein allererstes Buch der Farben
(Gerstenberg, 2007, ISBN 978-3-8067-5151-2)

Eric: Carle: Mein allererstes Buch der Formen
(Gerstenberg, 2007, ISBN 978-3-8067-5152-9)

Guido Wandrey: 444 kleine Geschichten zum Suchen und Entdecken
(Esslinger, 2007, ISBN 978-3-480-22271-1)

Erwin Grosche/Christiane Hansen: E-le-fa, E-le-fee! Was macht der Elefant am See? Lautgedichte und Sprachspiele quer durchs ABC
(Edition Bücherbär, 2007, ISBN 978-3-401-08974-4)

Hendrik Jonas: Wo steckt die kleine Maus?. Das große Such- und Findebuch
(cbj, 2007, ISBN 978-3-570-13226-5)

Patricia Schröder: Erst ein Stück, dann du - Kleines Pony, großes Glück
(cbj, 2007, ISBN 978-3-570-13182-4)

Adelheid Dahimène/Selda Marlin Soganci: Weitersagen! Schibu halu matei
(Boje, 2007, ISBN 978-3-414-82032-7)

Manuela Olten: Mama?
(Carlsen, 2007, ISBN 978-3-551-51692-3)

Sylvia Müller (Hg)/Rolf Bunse: Herr ?germeier. Fünf-Minuten-Geschichten von Wut und wieder gut
(Herder, 2007, ISBN 978-3-451-29364-1)

Emma Brownjohn: Zittern, Bibbern, Schüchtern sein - Angst kennt jeder, groß und klein
(Gabriel, 2007, ISBN 978-3-522-30108-4)

Edith Schreiber-Wicke/Carola Holland: König Wirklichwahr
(Thienemann, 2007, ISBN 978-3-522-43559-8)

Edith Schreiber-Wicke/Carola Holland: Achtung! Bissiges Wort!
(Thienemann, 2004, ISBN 978-3-522-43488-1)
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